Montag, 26. Juli 2010

PATHOS ÜBER LEBENSMITTEL, NATUR UND IDENTITÄT

Schon oft habe ich mich dabei ertappt, wie ich eine Frucht, ein Gemüse, ein gutes Stück Fleisch oder ein anderes Lebensmittel in seinem Urzustand in den Händen hielt und vor dem Verzehr bzw. der Verarbeitung mir genauer angeschaut habe und mich dabei völlig in seiner vollkommenen Schönheit verloren habe. Ich habe es angefasst, mit den Händen ertastet; es ganz genau mit meinen Blicken gemustert, es dabei ,so nah wie meine Augen es erlaubten, betrachtet; mit der Nase fast in das Lebensmittel eingetaucht, jede Duftnuance in mich aufgesaugt und mich daran ergötzt. All diese enormen sinnlichen Erfahrungen konnte ich machen, ohne es auch nur zu schmecken oder zu verarbeiten. Um Geschmack oder Küche soll es hier auch gar nicht gehen.

Ich erinner mich zum Beispiel, dass ich letztes Jahr, als die Mandarinenzeit begonnen hat und ich meine erste winzig kleine hell-orange, grünstichige Mandarine in den Händen hielt, ich mehrere Minuten damit verbracht habe, mich an dieser scheinbar so schlichten Mandarine zu erfreuen.

In Lebensmitteln (wenn sie denn auf eine angemessene Weise produziert wurden) ruht eine so enorme Energie, die weit über den eigentlichen Brennwert hinaus geht. Warum nutzen wir diese Energie nicht? Jeden Tag liegt sie vor uns und ist für uns frei zugänglich in einer unendlichen Vielfalt. Warum nehmen wir uns nicht die Zeit, diese Energie in uns aufzusaugen, von ihr zu zehren und sie wieder an unsere Umwelt weiterzugeben? Stattdessen mampfen wir ungesunde und unechte Lebensmittel in uns rein und versuchen mit plumpen Konsumgüter uns eine vergleichbare Energie und Befriedigung zu verschaffen? Dabei handelt es sich meist nur um einen grotesken Versuch Befriedigung zu erlangen; auf den meist sehr schnell ein Zustand der Ernüchterung und somit die erneute Suche nach Befriedigung folgt. Warum besinnen wir uns nicht zurück auf das Echte, das so offensichtlich ist? Geben der Natur und ihren Früchten wieder die Aufmerksamkeit zurück, die Ihnen zusteht? Warum stopfen wir uns mit "unechten" Lebensmittel und Konsummüll voll, anstatt dass wir endlich unserem täglich Brot wieder einen angemessenen Stellenwert zusprechen. Wir könnten einen Gewinn an Lebensqualität und Zufriedenheit erlangen, ohne dass wir zusätzliche Ressourcen verbrauchen müssten. Die Nahrung ist doch da (zumindest hier bei uns im Westen). Wir müssen sie nur bewusster wahrnehmen und uns mit ihr auseinander setzen. Wir müssen unser Bewusstsein für unsere Umwelt zurückgewinnen. Der erste Schritt dazu ist, dass wir unsere Nahrung wieder als "LEBENS"mittel begreifen und sie nicht zum Brennstoff mit banalem Geschmack degradieren.

Egal was wir zu uns nehmen, ob Pflanze, Fleisch, Fisch, all das sind Organismen, die gestorben sind, damit wir leben können. Diese Organismen verdienen unseren Respekt und ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit. Was sie uns dafür zurückgeben, ist soviel mehr als nur Sättigung.

Wenn wir es so schaffen könnten, unserer Nahrung wieder ihre Identität zurückzugeben, dann könnte das ein wichtiger Schritt sein, um unsere eigene Identität zu definieren und um etwas besser zu verstehen, wer wir eigentlich sind!

(Zum Identitätsbegriff gibt es zeitnah weitere Reflexionen und Denkanstöße)

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