Mittwoch, 17. November 2010

DARWINS ALPTRAUM

Mwanza, Tansania.
Ein russisches Flugzeug fliegt eine sandige Landebahn an. Der Funk ist wie fast immer kaputt. Man weiß sich aber zu helfen. Die meisten Flugzeuge landen und starten sicher. Die anderen nicht. In Sichtweite sind mehrere Flugzeugwracks zu erkennen. Aber trotzdem fliegen die riesigen Frachtflugzeuge die kleine Landebahn regelmäßig an. Der Nilbarsch (bei uns ironischerweise eher bekannt als Viktoriaseebarsch) ist der offensichtliche Grund. Der Fisch der in den 1960ern im Viktoriasee, dem zweit größten See der Welt, ausgesetzt wurde und das gesamte Ökosystem aus dem Gleichgewicht geworfen hat. Zwar hat die exportorientierte Fischereiindustrie dank des Nilbarsches einen Aufschwung erfahren, profitiert haben davon aber ausschließlich die westlichen Importeure sowie wenige große Industrieunternehmen. Die Fischer hingegen leiden in zweierlei Form unter der Dominanz des Nilbarschs. Erstens wurde von dem Nilbarsch ein Großteil der hiesigen Buntbarscharten ausgerottet, von welchen die Einheimischen abhängig waren. Und zweitens wurden sie in eine Abhängigkeit von Europa und Indusrie gezwungen, aus der es kaum ein Entkommen gibt. Der gefangene Barsch geht direkt in die großen Fabriken, wo die Menschen für einen Hungerlohn den Fisch weiterverarbeiten. Bei uns will man natürlich nur das Filet auf dem Teller haben. Was übrig bleibt, sind die Karkassen, welche noch vor Ort "entsorgt" werden. Entsorgt heißt in diesem Fall, dass Frauen und Kinder die Karkassen sammeln und an der Luft verwesen lassen, um sie anschließend zu kochen oder zu frittieren. Das bei der Verwesung frei werdende Ammoniak macht die dort arbeitenden Menschen sehr krank. Die fertigen Filets hingegen werden in spezielle Plastikbehälter gepackt, gefrostet und dann in den russischen Flugzeugen verstaut. Dann fliegen die Flugzeuge wieder nach Europa und versorgen unser eins mit Fischfilet. Was zurückgelassen wird, ist ein zerstörtes Ökosystem, ein auf Abhängigkeit basierendes, nicht nachhaltiges Wirtschaftssystem und Menschen, die jeglicher Lebensgrundlage beraubt wurden.
Das Ausmaß der Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und Misere mit der die Menschen zu kämpfen haben, wird erst deutlich, wenn man in den Straßen und Gassen genauer hinschaut - Prostitution, von der auch zahllose Kinder betroffen sind, der allgegenwärtige Hunger und seine grausamen Folgen und Drogen, so schmelzen die Kinder in Mwanza die Plastikkunststoffe, in denen der Fisch verpackt ist, um Klebstoff zum Schnüffeln herzustellen, um sich zu betäuben und ihr Leben irgendwie ertragen zu können.
Und als sei das beschriebene Maß an Ausbeutung noch nicht genug, wird im Laufe der Dokumentation noch ein weiterer, noch viel dramatischerer Abgrund aufgetan.
Mich hat der Film absolut schockiert. Es wird wenig gesprochen und die Informationen, die geliefert werden, halten sich auch sehr in Grenzen. Was dominiert, ist die Macht der Bilder. Wenn man sieht, was für ein Leben die Menschen in Tansania ertragen müssen, bedarf es nicht vieler erklärender Worte. Mwanza ist ein Beispiel dafür auf welchem menschenunwürdigen Fundament unsere westliche, konsum- und profitorientierte Gesellschaft basiert. Der Film lässt einen alleine mit der bitteren Realität und beruhigt auch nicht mit tröstenden, hoffnungsvollen Worten als Happy End à la Hollywood, im Gegenteil. Denn für die einfachen Menschen in Tansania und vielen anderen Teilen der sogennanten dritten Welt ist ein Happy End leider noch nicht in Sicht.
Die Dokumentation ist in mehreren Teilen bei YouTube zu finden und natürlich in jeder gut sortierten Videothek zu finden .

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