Donnerstag, 9. Juni 2011

GEDANKENGUT LIV

"Der edle Schüler, der uns vertraut, nehme aus einer Olive den Kern und tue eine Sardelle an seinen Platz. Die so gefüllte Frucht kommt in eine Leipziger Lerche, diese in eine Wachtel, diese in ein Rebhuhn, dies in einen Kapaun, dieser in einen Fasan, der in einen Truthahn, der sich in ein Schwein versteckt. Ein tüchtiges Feuer vereinigt den Saft und Kraft dieser Geschöpfe, und die Stunde naht, wo diese köstliche Mischung - doch halt ein, Unglücklicher! Nahe dich nicht mit dem Messer! Deine Sinne, durch die unübertrefflichen Wohlgerüche in fieberhafte Aufregung gebracht, lassen dich schon in Gedanken an verschiedenen Stücke dieses Gerichts kosten. Halt ein, Unglücklicher! Und wirf alles zum Fenster hinaus, alles - bis auf das Zentrum, bis auf die Sardelle, welche die Quintessenz aller Elemente enthält, die sie umgaben. Genieße diese Sardelle, aber mit Vorsicht; halte ein Riechfläschen mit Äther an deiner Seite, damit, wenn dich vom Übermaß des Entzückens eine Ohnmacht anwandelt, du die lusttrunkenen Sinne sogleich beleben kannst. Es ist wahr, dass einige Gourmands bloß das Filet der Sardelle genießen. Das scheint denn doch eine kleine Spielerei, die dem Ernst, der Würde des Gegenstandes nicht angemessen ist."
Eugen von Vaerst, einer der deutschen Gastrosophen („Gastrosophie oder die Lehre von den Freuden der Tafel“ - 1851)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen