Sonntag, 7. August 2011

ROASTERS & BARISTI / EIN TAG IM ZEICHEN DER BOHNE

Nach längerem Hadern habe ich mich vor einigen Tagen doch noch entschlossen, mir Roasters&Baristi nicht entgehen zu lassen. Freundlicherweise konnte ich mich Axel und Kira anschließen, die ohnehin gestern noch eine Schicht als Baristi in Hamburg hatten.
Als wir mit etwas Verspätung mittags im Trific ankamen und man sich unbekannten Gesichtern vorgestellt hatte (was für mich alle Anwesenden waren), gab es als Erstes die zwei unterschiedlichen im Ausschank befindlichen Espressi zur Begrüßung. Den "El Salvador" fand ich spitze! Tolle weiche, honigartige Süße. Nicht so bissig und im säuerlichen Spiel, wie manch andere Süße.
Das drei Wochen lang belagerte Trific ist sehr hübsch und muggelig (gemütlich), bzw. das was ich davon noch erkennen oder erahnnen konnte. Denn der Gastraum des Restaurtants wurde "ein wenig" umgestaltet. Überall steht Kaffee und Espresso, auf einem improvisierten Tresen befindet sich die "BrewBar", an der Kaffee mit allen erdenklichen Techniken "gebraut" wird, in der Mitte noch mehr Kaffee und Espresso, drei weitere Tische sind mit einer Unzahl an Tassen und Bechern gedeckt - an denen später ein Cupping stattfand.
Die anwesenden Baristi und Kaffee-Nerds waren alle super locker drauf und sehr glücklich, wenn sie ein bereitwilliges Opfer (was ich definitv war) gefunden haben, um über Bohnen, Maschinen, Techniken, Extraktionswerte, Brühtemperaturen und allerlei anderen Hokuspokus, von dem ich nur einen Bruchteil kapiert habe, zu reden. So hatte ich die Gelegenheit live die Zubereitung von Kaffee im Hario Syphon zu erleben und selbigen freilich auch zu kosten und zusammen mit Paul dann mithilfe eines Refraktometers (dem ich bisher nur in Labors während meines Studiums begegnet bin und mit dem der Brechungsindex einer Flüssigkeit gemessen werden kann, was wiederum beim Kaffee Rückschlüsse auf die extrahierten Bestandteile zulässt) und einer speziellen App auf dem I-Pad die Extraktionsrate zu bestimmen.Verrückte Kaffeewelt!
Außerdem hatte ich die Chance eine vierstündige Kaltextraktion zu kosten, die durch eine fast befremdliche Klarheit im Geschmack bestach.
Zwischenzeitlich hatte ich das Gefühl ich habe keinerlei Kompetenz, was die Bohne angeht. Als dann aber auch grundsätzlichere Themen angeschnitten wurden, wie Gastronomie, Lebensmittelhandwerk und Aspekte der Nachhaltigkeit habe ich mich wieder etwas heimischer und kompetenter gefühlt.
Bevor das Cupping beginnen sollte war ich noch kurz nebenan bei der Eppendorfer Grillstation (->Dittsche) und habe mir eine kleine Mantaplatte genehmigt, um die Geschmacksknospen ein wenig zu umschmeicheln und in einen eher suboptimalen Zustand fürs Cupping zu versetzen.
Ein Cupping ist quasi eine Weinverkostung bloß eben mit Kaffee. Bei dem gestrigen Cupping war das Set-Up realtiv simpel - 16 Kaffees bzw. Espressi wurden einfach aufgebrüht und verdeckt durchnummeriert. Die Bewertungsskala enthielt nur die Ausprägungen positiv, neutral, negativ. Jeder hat durchprobiert und später wurden die Bewertungen zusammengetragen und aufgelöst, um welche Sorten es sich bei der jeweiligen Nummer handelte.
Etwas verstörend war für mich zu Beginn des Cuppings, das zischende Geschlürfe, mit dem verkostet wird. Wenn morgens am Frühstückstisch nur eine Person den Kaffee schlürft, sorgt das schon für eine "besondere" Geräuschkulisse, aber wenn ca. zehn Kaffee-Nerds gleichzeitig semi-professionell um die Wette schlürfen, dann herrscht Ausnahmezustand.
Gustatorisch war das Cupping ein echtes Erlebnis - Holz, Honig, Gummireifen, Kaugummi, Zitronensaft, Erde waren dabei die ungewöhnlichsten Assoziationen. Einige Mischungen empfand ich als eine Offenbarung, andere als eine Beleidigung. Aber auch hier gingen die Meinungen weit auseinander.
Nach R&B haben wir uns noch ein Eis (ebenfalls nebenan, aber auf der anderen Seite) bei Eisliebe gegönnt. Das war wirklich klasse und hat nach gefühlten 100 Tassen Kaffeheißgetränken den Gaumen ein wenig "abgekühlt".
Auf dem Weg zum Bahnhof haben wir dann noch einen kurzen Zwischenstopp bei Elbgold gemacht, einer weiteren Hamburger Kaffeerösterei mit integriertem Café. Zu Trinken gab es für mich und Axel einen doppelten Ristretto und für Kira einen Cappucino. Allesamt nicht allzu schmeichelhaft gewesen. Mit von dumpfer Würze betäubter Zunge ging es dann zum Zug und wieder zurück nach Kiel.
Nachdem ich Zuhause trotz der Unmengen an Koffein, die ich im Laufe des Tages zu mir genommen habe, ins Bett und in den Schlaf gefallen bin, war ich mir sicher, ich würde für die nächsten Tage genug haben von dem "Schwarzen Gold". Eines Besseren belehrt habe ich mich selbst am nächsten Morgen mit einem fantastischen Doppio (Honduras - Single Origin von Axel), genau wie ich ihn mag.

Das war also Roasters&Baristi - eine einmalige Veranstaltung. Ein öffentlicher Branchentreff auf aller höchstem Niveau, der nicht nur durch seine vielfältige Kompetenz, sondern vielmehr noch durch seine Offenheit und Gastlichkeit geglänzt hat. Jeder der Lust auf einen Kaffee hatte war willkommener Gast im belagerten Trific und war eingeladen zusammen mit den Baristi in die kosmischen Untiefen des Kaffeeuniversums abzutauchen.

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