Dienstag, 6. September 2011

STOLZER SAMMLER

Im Supermarkt und auf dem Wochenmarkt gibt es seit einiger Zeit wieder eine Vielzahl an bunten Beeren, meist jedoch zu absolut wahnwitzigen Preisen. Für eine Schale Brombeeren von 250g bezahlt man gut und gerne drei bis vier Euro. Ich liebe Brombeeren - aber nicht zu diesem Preis.
Tja - als konsumverwöhnter Städter wäre man an diesem Punkt dann wohl einfach blöd angeschmiert und müsste kaufen oder verzichten. Als wenn es nicht noch eine dritte Möglichkeit gäbe (,die viele von uns aus der vergangenen Kindheit kennen). Brombeeren kann man am Rande der Stadt an jeder zweiten Ecke sammeln. Man muss meistens tatsächlich nur das Zentrum verlassen und dann an Wegen und wenig befahrenen Straßen mit wachem Auge die Hecken absuchen.
Genau das habe ich vor einigen Wochen beim Joggen gemacht und eine Strecke von rund drei Kilometern von lockerem Brombeerbewuchs ausgemacht. Nach ersten Geschmacksproben war mein Entschluss klar: Hier wird gesammelt. Als mein "innerer Sammler" zu mir flüsterte, die Zeit, beziehungsweise die Beeren seien reif, bin ich am kommenden Tag mit dem Morgengrauen aufgestanden und in der feuchten Morgenluft zu den Beeren geradelt. Zwei Stunden, drei Gefrierbeutel und etliche Brennnesselverbrennungen später war ich stolzer Sammler von 1,6 kg frischer Brombeeren.
Zuhause angekommen, wurde meine Beute gewaschen, sortiert und gewogen.
Das Gefühl, das ich seitdem in mir trage, wenn ich an meine Brombeeren denke, oder eins der Produkte sehe, die ich aus ihnen hergestellt habe, erfüllt mich mit einem unfassbaren, ja lange vermissten Stolz. Ein absolut einzigartiges Gefühl der Freude.
Rund ein Drittel der Beeren habe ich sofort eingefroren, um sie auch nicht missen zu müssen, wenn ich keine frischen Produkte mehr habe und die Saison längst vorbei ist.
Außerdem habe ich am gleichen Tag noch einen relativ simplen Rührkuchen gebacken, der aber unerwartet grandios wurde. Neben den Brombeeren haben sich noch als Geschmacksgeber etwas Mohn und Orangenpuder (selbstgemacht) dazugesellt. Das Ergebnis war ein Kuchen, der (wie auf dem Foto zu sehen) seine eigene Saftigkeit kaum halten kann.
Über drei Tage hinweg habe ich aus einigen Brombeeren eine richtige, althergebrachte Marmelade gekocht (ohne zugesetzte Geliermittel). Die Brombeeren habe ich dazu mit ein wenig Wasser und ein wenig Zucker (um die Säure etwas zu balancieren) aufgekocht und eine gute Stunde köcheln lassen und diese Prozedur über die drei Tage hinweg mehrmals wiederholt. Als sexy Kick kam noch eine Bourbon-Vanilleschote mit in den Topf. Gelieren tut die Fruchtmasse dann bereits nach dem ersten Kochen durch das Freisetzen der fruchteigenen Pektine. Durch das mehrmalige Aufkochen ist sichergestellt, dass das gesamte Pektin freigesetzt und der Wassergehalt verringert wird und der Geschmack so deutlich dichter wird. Positiver Zusatzeffekt ist natürlich der angewandte Hürdeneffekt, der die schier grenzenlose Haltbarkeit sicherstellt.
Unabhängig davon, wie fantastisch das Sammeln, das Kochen und der Geschmack der vorangegangen Dinge war, kommt jetzt das unangefochtene Schmuckstück meiner Brombeerorgie - der Likör. Nein, nein - keine Angst, ich spreche nicht von einer penetrant süßen, klebrigen Plörre die ältere Damen gerne zum Käffchen schlürfen. Oh nein - das hier ist eine reifende Komposition. Ein Teil Läuterzucker, ein Teil Korn und ein Teil gequetschte Brombeeren und als Akzentuierung spielen noch ein wenig Anis, Wacholder, Piment und Vanille mit.
Das Ergebnis nach dem Ansetzen vor ca. zwei Wochen seht ihr auf dem ersten Bild. Wie man sieht, war die Flüssigkeitsphase noch sehr hell und geschmacklich natürlich auch noch recht dünn.
Nach den ersten zwei Wochen sind die Aromen und die Farbe der Brombeeren und der Gewürze schon größtenteils in die süße Alkoholphase übergegangen. Ich möchte die Flasche noch mindestens einen weiteren Monat stehen lassen, bevor ich die Brombeeren und die Gewürze abseihe und die Flasche dann wieder mit Korn auffülle. Allerdings bin ich unsicher, ob ich so lange durchhalte. Da ich bisher schon einige Male schwach geworden bin und zusammen mit ausgewählten Gästen von dem süßen Saft gekostet habe. Soviel sei schon jetzt veraten: Es ist der Wahnsinn, der Likör ist von einer Vielschichtigkeit und einer Nachhaltigkeit, die ihresgleichen sucht. Prost!

1 Kommentar: