Samstag, 5. November 2011

BUCHBESPRECHUNG: DIE ESSENSVERNICHTER / DAS BUCH ZUR DOKUMENTATION "TASTE THE WASTE"

Bereits im Oktober letzten Jahres lief die Dokumentation "Frisch auf den Müll" auf ARD und hat das bis dahin fast unbeachtete Thema der Lebensmittelverschwendung behandelt. Auch ich habe hier auf meinem Blog diese Dokumentation vorgestellt und mich mit "Müll" beschäftigt. In diesem Jahr auf der Berlinale wurde dann im kulinarischen Kino die Folge-Dokumenatation "Taste the Waste" vorgeführt. Im September kam die Doku dann endlich offiziell in die Kinos. Fantastischerweise wurde sie im kommunalen Kino in der Pumpe einige Male gezeigt. Und soviel sei gesagt: Die Doku hat mich voll aus den Latschen gehauen! Weil ich Lebensmittel über alles liebe und mehr über die Zusammenhänge der Verschwendung erfahren wollte, habe ich mir das Buch zur Dokumentation besorgt. Das Buch trägt den meiner Meinung nach etwas überzogenen Titel "Die Essensvernichter - Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist." Das Buch ist aber weitaus mehr als ein reißerisches Schuldhin- und hergeschiebe, sondern tatsächlich eine fundierte Analyse unserer Lebens(mittel)verhältnisse und dem gedankenlosen Umgang mit selbigem(n) in unserer Gesellschaft.
Das einzelnen Kapitel wechseln zwischen persönlichen Erfahrungen und Berichten von Valentin Thrurn dem Filmemacher und harten Fakten geschrieben von Stefan Kreuzberger. Herr Carlo Petrini (Präsident von Slow Food) höchst selbst hat für das Buch ein starkes Vorwort geschrieben.
Die erste Teil beschäftigt sich quasi mit dem Status Quo - zeigt also das Ausmaß der Verschwendung und thematisiert die westlichen Konsum- und Handelsverhältnisse.Treffend wird hier mehrfach das Gleichnis des Schlaraffenlandes, einer Gesellschaft die am Überfluss erkrankt ist, fett und träge geworden ist und den Bezug zu vielen Werten verloren hat, verwendet. Außerdem strotzt das Kapitel nur so vor Zahlen. Ob Prozente oder das Jonglieren mit Tonnenbeträgen in Millionenhöhe, Zahlen sind in dem ersten Kapitel wirklich en masse vorhanden. Obwohl viele der Zahlen nicht absolut valide sind (was auch immer wieder erwähnt wird),da es an wissenschaftlich-fundierten Studien zum Thema fehlt, werden die Zahlen vor allem dazu genutzt, um das schiere Ausmaß der Verschwendung ansatzweise zu vermitteln.
Besser als die unzähligen Zahlen für das Verständnis der Dimensionen sind die im Verlaufe des Buchs immer wiederkehrenden Abbildungen, die besonders relevante Daten sehr simpel darstellen (z.B. indem Mengen visuell in Relation zu anderen Mengen gesetzt werden). Aufgelockert wird die Zahlenschau durch die sehr persönlich geschriebenen Erfahrungsberichte von Valentin Thurn. Dabei handelt es sich teilweise um Erlebnisse oder Stationen, die bereits aus der Dokumentation bekannt sind, aber im Buch noch detaillierter dargestellt werden.
Auch im zweiten Kapitel, in dem es um die Folgen des verschwenderischen Umgangs mit Lebensmittel geht, werden eine Menge Zahlen angeführt, um das absolut unfassbare Ausmaß zu verdeutlichen. Erschreckend ist vor allem was unserer gedankenloser Umgang hier, im Rest der Welt und ganz besonders in ärmeren Ländern anrichtet. Dabei beschränkt sich das Buch nicht ausschließlich auf die Verschwendung von Lebensmitteln, sondern erläutert dem Leser noch viel weitreichendere Zusammenhänge und Folgen der aktuellen Nahrungsmittelerzeugung im Kontext der Globalisierung. Themen wie Fischerei, Biosprit, Klimaveränderung und Lebensmittelspekulation werden teilweise sehr ausführlich, dargelegt und dem Leser anhand von Zahlen, Abbildungen und Vergleichen verdeutlicht.
Das meiner Meinung nach für den Leser spannendste Kapitel ist das dritte Kapital. Dabei geht es darum, wie eine wünschenswerte Zukunft erreicht werden kann, in der Lebensmittel ihren echten Wert wieder gewinnen und die Verschwendung maßgeblich vermindert wird.  Zunächst wird erläutert was Staat, Wirtschaft und Wissenschaft eigentlich tun sollten. Da der Einfluss des Einzelnen auf diese Bereiche allerdings eher gering ist, ist der darauffolgende Teil umso interessanter. Denn hier wird aufgezeigt, was jeder Einzelne als Bürger und Konsument gegen die Lebensmittelverschwendung tun kann und wie er seine ganz individuelle Wertschätzung für die Nahrung wieder erhöhen kann. In diesem Bereich mangelt es dem Buch keineswegs an Beispielen und Anregungen, und trotzdem kratzt das Buch nur an der Oberfläche der Möglichkeiten. Aber allen Beispielen ist eins gemeinsam, man muss aktiv werden und Engagement für eine Sache zeigen, ob man nun Mülltauchen geht, sich einer Food-Coop oder einem Selbsternetprojekt anschließt, sich als Stadtgärtner (auch wenn es nur Tomaten oder Kräuter auf der Fensterbank sind) austobt, sich Lebensmittel via Biokisten-Abo liefern lässt, reglemäßig bei regionalen Erzeugern auf dem Wochenmarkt einkauft, an einem Carrotmob teilnimmt, einfach nur gemeinsam kocht und sich über Einkaufsgewohnheiten austauscht, Teil einer gemeinschaftsgestützten Landwirtschaft wird, all diesen grandiosen Wegen ist gemein, dass sie den Einzelnen fordern aufzuwachen, das verführerische Schlaraffenland zu verlassen und wieder ein bewusstes Leben zu führen, das durch die Wertschätzung der Lebensmittel, der Umwelt, und aller Mitmenschen geprägt ist und es genau dadurch genießenswert macht.
P.S. Am Ende des Buches sind übrigens die Internetadressen zu allen Organisationen und Initiativen abgedruckt, über die man aktiv werden kann.

P.P.S. und zum Abschluss noch zwei kleine scharfzüngige Zitate aus dem Buch:
"Warum klärt keiner die Verbraucher auf? Der Handel hat offensichtlich kein Interesse - das hieße ja, die Menschen würden weniger kaufen, dann ginge ja der Umsatz zurück. Das Gleiche gilt für die Hersteller, jeder will mehr verkaufen und nicht weniger. Und die Politik? Die vertritt die Interessen der Wirtschaft."
"Will man Schuldzuweisungen treffen, dann sind diese Agrarkonzerne die Täter, die Lebensmittelindustrie ihre willfährigen Gehilfen und die Verbraucher die nützlichen Idioten."

Kommentare:

  1. Ich denke, vor allem der Schritt hin zum Veganismus ist in diesen Zeiten unerlässlich. Die Viehzucht sowie die Produktion tierischer Lebensmittel schluckt in unergiebigem Maße Lebensmittel und Ressourcen - ich hoffe, das wurde auch hinreichend thematisiert. Werde mir den Film auch noch ansehen, alle vorherigen Einblicke waren stets schockierend und augenöffnend.

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  2. Ich kann deinen Standpunkt, sehr gut nachvollziehen. Bin aber anderer Meinung. Ich halte Veganismus für eine individuelle Option, allerdings nicht für eine Notwendigkeit.

    Eine Notwendigkeit ist, dass wir das Prinzip der Massentierhaltung hinter uns lassen und den Konsum tierischer Nahrungsmittel DRASTISCH verändern. Weg von dem ständigen gedankenlosen Konsum von identitätslosem Billigfleisch, dem unsere Gesundheit, Umwelt und Gesellschaft zum Opfer fällt, hin zu einem bewussten, sparsamen Konsum und einer tiefen Wertschätzung für regionale und saubere Tierhaltung.

    Was für den Konsum von Fleisch und anderen tierischen Produkten gilt, gilt selbstverständlich auch für alle anderen Lebensmittel.

    Jedoch respektiere ich selbstverständlich jeden, der aus ethischen oder anderen Gründen entscheidet auf tierische Produkte zu verzichten...

    ...und hoffe, dass meine "fleischhaltigen" Posts selbige nicht vom Lesen meines Blogs abhalten ;)

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  3. Danke für die fundierte und umfangreiche REzension. In den bisherigen BEsprechungen zum Film beschränkte sich die Analyse leider meines Erachtens zu sehr auf den Verbraucher als Stellschraube, der einfach bewußter mit Nahrung umgehen müsste und der halt zu blöd ist um zu wissen dass man einen Joghurt auch nach Ablauf des MHD noch essen kann.
    In frisch auf den Müll wurde ja bereits deutlich dass es einen großen Zusammenhang gibt zwischen der Wachstumsgläubigkeit unseres Wirtschaftssystems und der Verschwendung von Ressourcen. Denn wer wegwirft kurbelt doch die Wirtschaft an...
    Ich denke schon dass der bewußte Konsum eine Säule ist, aber ich bin auch der Meinung dass es nicht ohne eine politische REgulierung gehen kann. Wenn Fleischproduktion nicht mehr subventioniert würde, wenn Arbeiter anständige GEhälter bekämen, wenn Produzenten Auflagen bekämen zu einer anderen Art der Tierhaltung würde Fleisch teuerer und der Konsum desselben reduzierte sich von selbst. Ich bin Vegetarier, esse aber noch ab und an Fisch. Aber mir ist auch bewußt dass das nicht ausreichen wird.

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