Sonntag, 24. Juni 2012

GEDANKENGUT LV

"Die Annahme, scheint's, ist diese: Es ist eine Espressomaschine, es ist eine Espressokaffeemischung, und was aus der Maschine kommt, ist konsequenterweise Espresso. Diese Kombination von Analogien und vermeintlichen Kausalitäten ist wohlfein, aber sie führt nicht zu genießbaren caffé. Und wer niemals einen korrekt zubereiteten Espresso gesehen, angeschaut, beobachtet, gerochen, geschwenkt, getrunken hat, fragt eben nicht nach ihm - ein Teufelskreis, denn woher soll der Kaffeetrinker an der Bar wissen, was er bekommen könnte und woher soll der Barmann wissen, dass der Kunde es gerne hätte, wenn er denn wüsste, was er gerne hätte? Dabei ist die einfache Exposition nicht hinreichend. Es bedarf häufiger Begegnungen mit dem Getränk, einer ganzen Reihe von sensorischen Erfahrungen und einer daraus erwachsenden Vertrautheit mit dem Wesen der Substanz. Es ist kein Lehrgang nötig, um die Materie "Espresso" einschätzen zu lernen, aber Kontinuität.
Doch Kontinuität ist teuer hierzulande. Nicht, dass hohe finanzielle Investitionen zum Erfolg führten, oft ist es sogar die billigste Tasse beim Schmuddelitaliener, die den Aficionado befriedigen kann, während hochpreisige Coffee Shops nicht selten und für den bald doppelten Preis kleine Tässchen mit flüssigen Beleidigungen hinstellen. Teuer ist die Erfahrung oder - die kulturell bedingte Gewohnheit. Beide sind soagr unbezahlbar. Es soll davon ausgegangen werden, dass sie vermittels scheinbar unterschiedlicher Voraussetzngen zum selben Ergebnis führen können: dem perfekten caffé. Dabei ist die Perfektion kein Endpunkt, an dem man sich ausruhen kann - sie ist eine Anstrengung. Ob aus einer Suche heraus oder aus einer angeblichen Selbstverständlichkeit, ganz egal: Kontinuität bedeutet auch hier ein Verweilen bei den Unterschieden, das heißt den Varianten - so fühlt sich Virtuosität an. Um sie zu erreichen, müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein.
(...)
Weil nun in Deutschland die Espressozubereitung in den meisten Fällen stark an der Geschmackswahrnehmung des Filterkaffees orientiert ist, finden viele das Getränk vermeintlich "zu stark", "zu bitter", "zu sauer", in jedem Falle "zu" irgendwas. Ein Liebhaber der kleinen, süßen, schwarzen, von mönchskuttenfarbener Creme bedeckten Flüssigpraline wird wohl kaum verstehen, wozu jemand Milch auf den Espresso geben sollte. Und doch - Milch kann ein effizienter Puffer für den grausigen "zu"-Geschmack des hierzulande als Espresso verkauften Produkts sein. Sie haben recht - alle, die sagen, er sei "zu" was auch immer. Er ist es: einfach "zu" schlecht. Aber wer dem "richtigen" Espresso ein paar Male begegnet, der wird mit großer Wahrscheinlichkeit in Zukunft keinen Gedanken mehr an Milch verschwenden."
Auszug aus: Jonas Fansa - Caffé espresso: Poesie oder Technokratie? im Journal Culinarie No. 4

Montag, 18. Juni 2012

KKK - DIE FISCHBAR KIEL

Mannoman. Ich geb zu, das Bloggen kommt in letzter Zeit doch arg kurz. Arbeitnehmertum, vermehrt gutes Wetter und sonst so allerlei Schabernack fordern ihren Tribut. Und das obwohl mir eigentlich schon das ein oder andere Berichtenswerte auf der Kante liegt. Ganz ganz vorne an die Fischbar - Ich glaube inzwischen schon über einen Monat alt und nach wie vor einer der Geheimtipps im beschaulichen Kiel.
Das junge Zweiergespann, Daniel und Philipp, hat das Ding mit einem guten Jahr Planungsphase auf den Weg geschickt und die beiden hauen richtig auf die Kacke. Mit einem der geilsten Standorte, direkt neben dem 24/7 Camp, haben die beiden mit ein wenig Unterstützung eine derb geile Fischbude zusammengeklöppelt. 
Zu Essen gibt es, ohne mich auch nur im geringsten zu weit aus dem Fenster zu lehnen, die geilsten Fischbrötchen der Stadt, wenn nicht gar des Landes.
Links: Lachsbrötchen in alternativ Variante, Rechts: Fischfrikadelle im Brötchen
Aktuelles Standardprogramm (ohne das Lachsbrötchen)
Ich habe bisher den Goldrauch-Matjes, die Fischfrikadelle im Brötchen, das Lachsbrötchen (es ist tatsächlich DAS Lachsbrötchen: mit unglaublich geilem kaltgeräuchertem Zuchtlachs direkt aus Norwegen in einem unfassbaren Maisbrötchen, das Backerei Günther exklusiv hergerstellt, schmierig gemacht mit etwas Remo und Honig-Senf-Sauce) und den Backfisch mit bunten Pommes (gelbe, lila und rote Bio-Kartoffeln selbst geschnibbelt und direkt aus der Fritte) und der jetzt schon legendären Remoulade genossen. Kleiner Hinweis an dieser Stelle: wer den Backfisch mit Pommes möchte sollte früh aufstehen, da der Kram meist spätestens gegen Nachmittag schon ausverkauft ist.
Also am Besten um Punkt 10 auf der Matte stehen, wenn die Luke hochgeht. Geiles Soft-Eis gibt es übrigens auch solange der Vorrat reicht. Ich habe bisher nur Sanddorn-Buttermilch probiert und für gut befunden. Limette-Basilikum war leider aus.
Alle Produkte haben eine wahnwitzige Qualität - exklusiv von den besten, regionalen Produzenten bezogen und selbst konzipiert bzw. produziert. Zu Trinken gibt es bisher das hippe Standardprogramm, sprich Fritz, Veltins Fassbrause, Mischmasch etc. Die eigens entwickelten Limos (Blubb...) haben es leider nicht zum diesjährigen Saisonstart geschafft, aber werden zur nächsten Saison an Bord sein. Ne ehrliche Tasse Kaffee gibt es natürlich auch. Erfreulicherweise ohne Schnickschnack à la Coffee Shop. Wer will, bekommt etwas Zucker oder stinknormale Milch dazu. So muss sein. Auch beim Kaffee zeigt man Flagge und bezieht selbigen von Vicci Caffe, einer kleinen Kaffeerösterei aus Bad Bramstedt, die nachhaltig, direkt und fair ihren Rohkaffee bezieht und handwerklich röstet.
Das Geschirr kommt übrigens von Ahoi Marie aus Hamburg.
Wenn ihr kein Bock auf großen Trubel habt und die Fischbar mit dem vollen, "tatsächlichen" Programm erleben wollt, dann schaut einfach nach der Kieler Woche mal vorbei (während der Kieler Woche wird das Angebot verständlicherweise etwas angepasst).
Ich sag: Ahoi und Guten Hunger!
P.S. Passt gut auf euer Fischbrötchen auf, denn auch die umherkreisenden Möwen gieren nach Fischbrötchen und zeigen keine Scheu sich an herrenloser Ware zu bedienen!